Ein Marathon, kein Sprint
Im Projekt «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» testen 50 Betriebe seit fünf Jahren Massnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Anpassung an den Klimawandel. Eine Zwischenbilanz zeigt: Nötig sind vielfältige Strategien, Wissen, Zusammenarbeit, wirtschaftlich tragfähige Lösungen – und Zeit.
Wie kann Landwirtschaft im Berggebiet klimafreundlicher werden – und was motiviert Betriebe, diesen Weg mitzugehen? Mit diesen Fragen starteten 2020 50 Betriebe in die Pilotphase des Projekts «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» (vgl. ProClim Flash 78, 2023). Seither haben sie gemeinsam mit Forschenden experimentiert, diskutiert, verworfen, weiterentwickelt und viel gelernt. Eine wichtige Einsicht: Es gibt keine einheitliche Lösung. Welche Massnahmen wirken, hängt stark vom Standort, dem Produktionssystem und der Betriebsstruktur ab.
Auf dem Betrieb von Winzer Heinz Kunz in Fläsch entstehen beispielsweise gut 60 Prozent der Treibhausgasemissionen durch Vorleistungen – insbesondere durch die Herstellung von Glasflaschen – und rund 35 Prozent durch den Energieverbrauch im Rebberg und im Weinkeller. Kunz setzt deshalb auf Leichtglasflaschen, Elektromobilität und Einsaaten, die Kohlenstoff binden und die Biodiversität fördern.
Ganz anders ist die Ausgangslage auf dem Mutterkuhbetrieb von Andrea Flütsch in St. Antönien auf 1500 m ü. M.. Hier stammen rund 70 Prozent der Emissionen aus der Tierhaltung, 20 Prozent aus landwirtschaftlichen Böden und etwa 10 Prozent aus dem Energieverbrauch. Flütsch reagierte mit einer standortangepassten Herdengrösse, verstärkter Weidenutzung statt Futterkonservierung, Landabtausch und elektrischer Mähtechnik. So konnte er die Emissionen in der Pilotphase um rund 17 Prozent senken.
Was beide Beispiele zeigen: Einzelmassnahmen entfalten meist nur begrenzte Wirkung. Zielführender ist ihre Kombination zu einer Gesamtstrategie, abgestimmt auf den jeweiligen Betrieb. Besonders attraktiv sind deshalb Massnahmen, die nicht nur dem Klima dienen, sondern gleichzeitig Vorteile für Boden, Ertrag oder die betriebliche Resilienz bringen.

Transformation erfordert Investition
Gleichzeitig ist der Wandel hin zu einer klimafreundlichen Landwirtschaft mit Risiken verbunden. Neue Verfahren erfordern finanzielle Mittel und zusätzliche Arbeit oder stossen im bäuerlichen Umfeld zunächst auf Skepsis. Zudem werden Klimaschutzleistungen bislang kaum über den Markt abgegolten. Für viele Betriebe stellt sich deshalb die zentrale Frage: Unter welchen Bedingungen ist Klimaschutz im Betrieb umsetzbar und tragfähig?
Landwirt Chris Gilli aus Sufers bringt es auf den Punkt: «Die Massnahmen müssen sich wirtschaftlich auszahlen: Entweder ist ihre Umsetzung selbsttragend oder – wenn die wirtschaftlichen Effekte noch nicht ausreichend gesichert sind – der Staat federt das Risiko ab.» Im Projekt erhielt Gilli Beiträge für einen Kompostwender, Bodenplatten und weitere Betriebsmittel. Damit realisierte er ein Kompostierungsprojekt. Solche Anschubfinanzierungen senken Hemmschwellen, ermöglichen erste Erfahrungen und helfen Betrieben, neue Verfahren auszuprobieren. Ergeben sich daraus etwa stabilere Erträge oder ein effizienterer Ressourceneinsatz, steigt die Bereitschaft, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Finanzielle Anreize bleiben deshalb ein entscheidender Hebel, um einen breit angelegten Wandel einzuleiten.
Wissen schafft Sicherheit
Klimafreundliche Landwirtschaft entsteht nicht im Alleingang. Sie ist das Ergebnis eines Zusammenspiels von Landwirtschaft, Beratung, Forschung, Politik und weiteren Akteuren entlang der Wertschöpfungskette. Gemeinsame Projekte schaffen Raum, um Probleme zu diskutieren, Verständnis zu schaffen und innovative Lösungen zu entwickeln.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt der Betrieb von Marcel Heinrich in Filisur. Zusammen mit Daniel Böhler vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) führte er auf 1000 m. ü. M. Anbauversuche mit Speiseackerbohnen durch. Herausforderungen wie Beikrautdruck, hohe Aussaatmengen oder der grosse Handarbeitsaufwand konnten über die Jahre zunehmend besser bewältigt werden. Als besonders vielversprechend erwies sich eine eigens entwickelte Untersaatenmischung mit Waldstaudenroggen: Wird sie gleichzeitig mit den Ackerbohnen gesät, sinkt der Jätaufwand deutlich. Gleichzeitig entsteht im Herbst zusätzlicher Aufwuchs für die Weidenutzung, wodurch der Anbau insgesamt wirtschaftlich attraktiver wird.
Wie wichtig Weiterbildung für eine klimafreundlichere Landwirtschaft ist, zeigt das Beispiel von Susan Grest aus Jenaz. Für sie war ein Bodenkurs der entscheidende Impuls. Dort lernte sie regenerative, bodenfördernde Ansätze kennen und begann, verschiedene davon auszuprobieren. «Ich habe sehr viel über Bodenmikrobiologie und bodenbelebende Massnahmen gelernt – und lerne ständig dazu», sagt sie. «Nicht alles gelingt auf Anhieb – aber es gelingt immer besser.»
Mit neu erworbenem Wissen lassen sich Massnahmen gezielter planen und effizienter umsetzen. Fundiertes Fachwissen befähigt Landwirtinnen und Landwirte zudem, in öffentlichen oder privaten Diskussionen sachlich zu argumentieren und die Landwirtschaft als proaktive Akteurin in der Klimakrise zu positionieren.
Von der Pilotphase in die Breite
Die Erfahrungen aus der Pilotphase bilden die Grundlage für die nächste Projektetappe und den Einbezug weiterer Betriebe im Kanton. Im Zentrum steht ein Massnahmenkatalog mit wissenschaftlich anerkannten und praxiserprobten Ansätzen. Betriebe erhalten für deren Umsetzung Punkte und werden entsprechend finanziell entschädigt. Das Anreizsystem ist nicht statisch, sondern so ausgestaltet, dass es eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Betriebe fördert. Ergänzend stehen Beiträge für innovative Projekte und Strukturverbesserungen zur Verfügung. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein fünftägiger Klimagrundkurs.
Der Einbezug weiterer Betriebe erfolgt schrittweise. Ein kontrolliertes Wachstum schafft Raum für weitere Lernprozesse, Anpassungen und eine nachhaltige Entwicklung des Projekts. Denn eines hat sich in den ersten fünf Jahren klar gezeigt: Der Weg zu einer klimaneutralen Landwirtschaft braucht Zeit. «Der Transformationsprozess ist kein Sprint, sondern ein Marathon», hält Projektinitiator Claudio Müller fest. «Man kann nicht erwarten, dass die Betriebe einfach an der Startlinie erscheinen und loslaufen. Es braucht Training – für uns alle.»

(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)


