Hier werden zweimal jährlich faktenbasierte und aktuelle Beiträge zu den Themen Klima und globalen Wandel publiziert.

Image: Pexels

«Die Schweiz ist ein Hotspot des Klimawandels»

Die neuen Klimaszenarien Klima CH2025 wurden im November 2025 veröffentlicht. Im Interview blicken Regula Mülchi (MeteoSchweiz) und Reto Knutti (ETH Zürich) auf die Zusammenarbeit zurück und sprechen über Hintergründe, zentrale Herausforderungen und offene Fragen.

Interview: Omar Girlanda

Wie würden Sie jemandem in einem Satz erklären, was das Projekt Klima CH2025 ist und warum es wichtig ist?

Regula Mülchi (RM): Klima CH2025 liefert die physikalischen Grundlagen zum vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Klimawandel in der Schweiz, aufbereitet für verschiedene Nutzerinnen- und Nutzergruppen aus Behörden, aus der Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit.

Was hat Sie bei dem Projekt am meisten überrascht?

Reto Knutti (RK): Die meisten physikalischen Auswirkungen kennen wir bereits seit vielen Jahren. Überraschend ist, dass die Geschwindigkeit der bisherigen Veränderungen unterschätzt wurde. Das haben wir bei Klima CH2025 berücksichtigt. Überrascht hat mich auch das grosse, überwiegend positive Echo, mit dem die neuen Szenarien aufgenommen wurden.

Sie haben bei der Vorstellung der Szenarien die Schweiz als Hotspot bezeichnet. Warum?

RK: Die Veränderungen in Mitteleuropa laufen rascher ab als in fast allen anderen bewohnten Teilen der Welt. Trends in Hitzeextremen, Trockenheit und Starkniederschlägen sind hier bereits auf regionalen Skalen in den Beobachtungen sichtbar. Die neuen Szenarien berücksichtigen dies und zeigen die hohe Dringlichkeit der Anpassung an das Unvermeidbare, aber auch den substanziellen Teil des Klimawandels, den wir durch zukünftige Emissionen noch bestimmen können.

Regula Mülchi (MeteoSchweiz) und Reto Knutti (ETH Zürich)
Regula Mülchi (MeteoSchweiz) und Reto Knutti (ETH Zürich)Image: MeteoSwiss ; ETH Zürich
Regula Mülchi (MeteoSchweiz) und Reto Knutti (ETH Zürich)
Regula Mülchi (MeteoSchweiz) und Reto Knutti (ETH Zürich)Image: MeteoSwiss ; ETH Zürich

Im Vorfeld der Klimaszenarien CH2018 gab es eine umfassende Nutzer:innen-Analyse. Zudem bestand viel Austausch mit NutzerInnen aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft usw., begleitet von einer Stakeholder-Gruppe – besteht dabei die Gefahr, dass die Aussagen durch die vielen Beteiligten zu wenig klar werden?

RM: Ein solcher Prozess sorgt dafür, dass die Szenarien tatsächlich die relevanten Fragen der Nutzerinnen und Nutzer beantworten oder Unsicherheiten aufzeigen und damit neue Forschung initiieren. Es gibt auch nur eine Referenz für Klimaszenarien in der Schweiz, und alle Akteurinnen und Akteure in Wissenschaft, Privatwirtschaft und Politik arbeiten mit den gleichen Szenarien. Ähnlich wie der Weltklimarat IPCC die Referenz ist für eine globale Synthese, wollen wir für die Auswirkungen der Schweiz den Standard setzen.

Welche Schritte sind nötig, damit ein solcher Bericht entsteht?

RM: Zuerst müssen die nötigen Partnerinstitutionen an Bord geholt, Rollen und die wichtigsten Inhalte definiert werden. Insgesamt waren über 50 Personen aus den verschiedenen Institutionen beteiligt. Danach wurden die wissenschaftlichen Grundlagen erarbeitet, diskutiert, überarbeitet und begutachtet. Parallel dazu wurden verschiedene Produkte entwickelt und kommunikativ für verschiedene Nutzergruppen aufbereitet. Dazu zählen ein wissenschaftlicher Bericht, eine Broschüre und Webseite mit integriertem Webatlas zu täglichen Datensätzen und eine konsolidierte Übersicht zum Stand des Wissens zu den unterschiedlichen Prozessen und Extremen. Alle Produkte sind über www.klimaszenarien.ch frei verfügbar.

Was waren die grössten wissenschaftlichen oder technischen Herausforderungen im Prozess?

RK: Eine grosse Herausforderung war die Unterschätzung der bisherigen Erwärmung durch die verwendeten Klimamodelle. Damit diese korrekt adressiert werden konnte, mussten wir zuerst eine Methode entwickeln und testen (siehe Artikel «Wie entstehen Klimaszenarien?»). Der Prozess beinhaltete umfangreiche Diskussionen mit dem gesamten wissenschaftlichen Team und weiteren Personen, die die Ergebnisse der Diskussionen umsetzten und auf die Daten anwandten. Eine weitere Herausforderung war das Zusammenfassen und Vereinfachen der wissenschaftlichen Ergebnisse für die Broschüre, die Webseite und das Video.

Welche Bedeutung hatte die Zusammenarbeit mit internationalen Forschungspartnerinnen und -partnern?

RM: Die ist entscheidend. Wir pflegen viel Austausch mit anderen Forschenden sowie mit internationalen Anbietenden von Klimaszenarien. Daraus lernen wir viel. Wir haben insbesondere unseren wissenschaftlichen Bericht von 26 nationalen und internationalen Expertinnen und Experten begutachten lassen. Auch sind einige von uns in internationalen Gremien vertreten, um sicherzustellen, dass der Wissenstransfer in die Schweiz gewährleistet ist.

Wie wirkt sich der Druck auf die internationale Forschungsfinanzierung auf konkrete Projekte wie Klima CH2025 aus?

RK: Die Auswirkungen sind noch nicht vollständig klar. In den USA sind grosse Teile der Umwelt- und Klimaforschung unter Druck, aber auch anderswo wird bei Bildung und Forschung gespart. Die Schweizer Klimaszenarien basieren auf Modellierungen, die international koordiniert werden und zu denen viele Institutionen weltweit beitragen. Modelle werden mit Messdaten von Bodenstationen und Satelliten geprüft, deren Zukunft gefährdet ist. Wenn wir diese nicht mehr haben, sind wir im Blindflug unterwegs, was angesichts der zunehmenden Risiken eine sehr kurzsichtige Strategie ist.

Welches sind die wichtigsten offenen wissenschaftlichen Fragen, die Klima CH2025 nicht abschliessend beantworten konnte?

RK: Die Wissenschaft macht viele Fortschritte, und es stehen immer mehr Datensätze und Modelle zur Verfügung. Gleichzeitig sind die Auswirkungen des Klimawandels auf sehr kleinräumige Prozesse wie Gewitter oder auch Worst-Case-Szenarien in Klima CH2025 nicht oder unvollständig abgebildet. Nach den Szenarien ist in der Wissenschaft immer vor den Szenarien.

Welches ist Ihre wichtigste Botschaft an eine breite Öffentlichkeit?

RM: Der Klimawandel in der Schweiz schreitet schnell voran, und die Auswirkungen werden sich in Zukunft verstärken. Klima CH2025 bietet die konsolidierten physikalischen Grundlagen für die Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz. Nutzen Sie diese für Ihre Arbeit, Kommunikation und die Planung von Anpassungsmassnahmen!

Abschlussfoto CH2025
Abschlussfoto CH2025Image: Tom Kawara
Abschlussfoto CH2025
Abschlussfoto CH2025Image: Tom Kawara

(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)

Omar Girlanda
Omar GirlandaImage: MeteoSchweiz
Omar Girlanda
Omar GirlandaImage: MeteoSchweiz

Omar Girlanda ist ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MeteoSchweiz und war im Kommunikationsteam zum Projekt CH2025.


Regula Mülchi war die Projektleiterin für CH2025 von Seiten MeteoSchweiz, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt ist.


Reto Knutti ist Projektauftraggeber CH2025 von Seiten ETH Zürich, wo er auch als Professor am Departement Umweltsystemwissenschaften forscht und lehrt.