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In welcher Schweiz leben wir im Jahr 2100?

Die Schweiz erhält eigene sozioökonomische Szenarien (Shared Socioeconomic Pathways, SSP-CH). Im NCCS-Impacts-Programm entwickelte die WSL schweizspezifische sozioökonomische Szenarien in Anlehnung an die globalen SSPs. Infras und Prognos modellierten dazu Emissionen und Landnutzung. Die fünf SSP-CH beschreiben mögliche Zukünfte in der Schweiz im Jahr 2100 und dienen als Grundlage für Massnahmen zu Klimaschutz und -anpassung.

Die Bewältigung ökologischer Herausforderungen wie des Klimawandels und ihrer negativen sozialen und wirtschaftlichen Folgen ist heute dringlicher denn je. Für Entscheidungstragende sind dabei nicht nur klimatische, sondern auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen relevant. Der 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats [1] beschrieb mit fünf sozioökonomischen Szenarien (Shared Socioeconomic Pathways, SSPs), wie sich Gesellschaft und Wirtschaft weltweit bis 2100 entwickeln könnten.

Im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms des National Center for Climate Services (NCCS) hat die eidgenössische Forschungsanstalt WSL nun schweizspezifische sozioökonomische Szenarien (SSP-CH) entwickelt, angelehnt an die globalen SSPs. Die Forschungspartner INFRAS und PROGNOS modellierten dazu mögliche Treibhausgasemissionen und Landnutzungen.

Die SSP-CH dienen als Grundlage für Diskussionen über den Handlungsbedarf in der Gegenwart. Sie helfen, Chancen und Risiken von Entscheidungen oder geplanten Massnahmen vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen besser zu verstehen und Planungen robuster zu machen. Auch können sie als Input für Modelle in den Bereichen Energie, Mobilität oder Landnutzung dienen.

Entwicklung der Schweizer Szenarien

Die SSP-CH wurden auf Basis von Fokusgesprächen mit 59 Forschenden aus 20 wissenschaftlichen Institutionen der Deutsch- und Westschweiz erarbeitet. Anschliessend entwickelten rund 90 Teilnehmende an fünf Workshops die Szenarien weiter. Mithilfe einer eigens entwickelten Szenario-Computer-Software wurde eine Konsistenzanalyse der Schlüsselfaktoren durchgeführt, um plausible Kombinationen von Entwicklungen zu identifizieren. Dabei wurden unter anderem Faktoren berücksichtigt wie die Wohnbevölkerung, der soziale Zusammenhalt, das Wirtschaftswachstum, der Energieverbrauch oder das Funktionieren politischer Institutionen. Folgende Szenarien ergaben sich für die Schweiz im Jahr 2100:

  • SSP0-CH: die genügsame Schweiz
  • SSP1-CH: die effiziente Schweiz
  • SSP3-CH: die konfliktreiche Schweiz
  • SSP4-CH: die ungleiche Schweiz
  • SSP5-CH: die ressourcenintensive Schweiz
Abbildung 1: Im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms hat die WSL schweizspezifische sozioökonomische Szenarien entwickelt, angelehnt an die globalen Shared Socioeconomic Pathways (SSPs). Die Szenarien beschreiben fünf mögliche Zukünfte der Schweiz im Jahr 2100. Ein mittleres SSP2, wie in den globalen SSPs, wurde für die Schweiz nicht entwickelt.
Abbildung 1: Im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms hat die WSL schweizspezifische sozioökonomische Szenarien entwickelt, angelehnt an die globalen Shared Socioeconomic Pathways (SSPs). Die Szenarien beschreiben fünf mögliche Zukünfte der Schweiz im Jahr 2100. Ein mittleres SSP2, wie in den globalen SSPs, wurde für die Schweiz nicht entwickelt.Image: Lena Gubler
Abbildung 1: Im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms hat die WSL schweizspezifische sozioökonomische Szenarien entwickelt, angelehnt an die globalen Shared Socioeconomic Pathways (SSPs). Die Szenarien beschreiben fünf mögliche Zukünfte der Schweiz im Jahr 2100. Ein mittleres SSP2, wie in den globalen SSPs, wurde für die Schweiz nicht entwickelt.
Abbildung 1: Im Rahmen des NCCS-Impacts-Programms hat die WSL schweizspezifische sozioökonomische Szenarien entwickelt, angelehnt an die globalen Shared Socioeconomic Pathways (SSPs). Die Szenarien beschreiben fünf mögliche Zukünfte der Schweiz im Jahr 2100. Ein mittleres SSP2, wie in den globalen SSPs, wurde für die Schweiz nicht entwickelt.Image: Lena Gubler

Die fünf Szenarien beschreiben sehr unterschiedliche Zukünfte. Bei SSP0-CH und SSP1-CH wird grosser Wert auf Umwelt- und Ressourcenschonung gelegt. Während SSP0-CH auf geringeren Konsum und Umverteilung setzt – mit weniger materiellem Wohlstand, aber hohem Wohlbefinden – kombiniert SSP1-CH Nachhaltigkeit mit technologischem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum.

Demgegenüber stehen SSP5-CH (ressourcenintensiv) und teilweise SSP4-CH (ungleich): In SSP5-CH führt starkes, fossilbasiertes Wachstum zunächst zu hohem Wohlstand, jedoch auf Kosten der Umwelt. Langfristig kippt das System durch Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung, was zu wirtschaftlichem Niedergang führt.

SSP4-CH zeigt ebenfalls wirtschaftliches Wachstum, allerdings bei starker Ungleichheit: Eine Elite profitiert, während grosse Teile der Bevölkerung zurückfallen – Nachhaltigkeit spielt nur eine geringe Rolle. Bei Szenario SSP3-CH (konfliktreich) gehen sowohl Wohlstand als auch politische Stabilität und internationale Zusammenarbeit zurück. Die Wirtschaft schrumpft, Innovation bleibt aus, und auch ökologische Aspekte werden vernachlässigt.

Keines der Szenarien gilt als wahrscheinlicher als die anderen. Ihr Zweck besteht darin, mögliche Zukunftspfade systematisch zu veranschaulichen und zu zeigen, wie unterschiedliche Annahmen zu verschiedenen Entwicklungen führen können. Es werden keine Aussagen über deren tatsächliche Eintrittswahrscheinlichkeit getroffen.

Der Nutzen der SSP-CH liegt weniger in einzelnen Szenarien als im gesamten Zukunftsraum, den sie mit ihrer Vielfalt an möglichen Entwicklungen gemeinsam abdecken. Szenarien sind konsistente Bündel möglicher Entwicklungen, die teils auch anders kombiniert werden könnten.

Wie verändern sich Emissionen, wenn der technologische Fortschritt schnell voranschreitet? Welchen Einfluss haben soziale Faktoren und Wertehaltungen der Bevölkerung auf den Ressourcenverbrauch? Was passiert, wenn die Bevölkerung wächst oder sich das Konsumverhalten verändert? Solch explorative Szenarien enthalten sowohl positive als auch negative Entwicklungen. Sie sind nicht mit Visionen, Wunschbildern oder politischen Zielvorstellungen zu verwechseln.

Im Vergleich zu den globalen SSPs [1] gibt es drei wichtige Unterschiede. Das Nachhaltigkeitsszenario wird zum einen in zwei Varianten aufgeteilt: eine auf Effizienz ausgerichtete (SSP1-CH) und eine auf veränderten Konsummuster basierende Entwicklung (SSP0-CH). Zum anderen gilt der global angenommene fossil-innovative Pfad (SSP5) für die Schweiz als unplausibel; stattdessen beschreibt SSP5-CH eine wenig innovative, langfristig instabile Entwicklung. Ein SSP2 (das «Middel of the road-Szenario») wurde für die Schweiz aus methodischen Gründen nicht entwickelt.

Übersetzung der Szenarien in Modelle

Wie können die Szenarien für die Klimawissenschaft genutzt werden? Auf Basis der SSPs wurde modelliert, wie sich Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen konkret entwickeln würden. Die Modellierung übersetzt die unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen und politischen Annahmen der Szenarien in quantitative Emissionspfade bis 2100.[3] INFRAS und PROGNOS entwickelten dazu einfache Modelle, die auch «weiche» Faktoren wie Umweltbewusstsein berücksichtigen können.

Zusätzlich zu den SSPs-CH wurden vier sogenannte Shared Policy Assumptions (SPAs) entwickelt.[4] Die SPAs sind Pakete klimapolitischer Instrumente aus verschiedenen Sektoren mit unterschiedlichen Ambitions- und Interventionsniveaus. Sie ermöglichen, die Wirkung zukünftiger Klimaschutzmassnahmen auf die Treibhausgasemissionen der Schweiz zu modellieren. Die SPAs werden mit den SSPs-CH kombiniert und können je nach gesellschaftlichem Kontext unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Weiterentwicklung der globalen SSPs

Die internationale Forschungsgemeinschaft arbeitet derzeit an einer Weiterentwicklung der SSPs und des gesamten Rahmenwerks. Diskutiert wird unter anderem, ob Klimafolgen stärker integriert werden sollten, wie SSPs ausserhalb der Klimaforschung genutzt werden können und ob zusätzliche SSP-Varianten nötig sind.

Die SSP-CH liefern auf nationaler Ebene bereits einige Ansätze dazu. So wurden neben Emissionen auch mögliche Landnutzungsentwicklungen modelliert, die etwa für Raumplanung oder Risikoanalysen relevant sein können. Mit dem SSP0-CH wurde zudem eine Szenario-Variante entwickelt, für die es im globalen Rahmen bislang kein direktes Pendant gibt.

Folgende Unterlagen stehen auf www.nccs-impacts.ch/ssp-ch als Download zur Verfügung:

  • Zusammenfassung: Treibhausgasemissionen unter verschiedenen sozioökonomischen und klimapolitischen Szenarien für die Schweiz
  • WSL-Bericht Sozioökonomische Szenarien für die Schweiz. Grundlagen, Methoden und Resultate.
  • Wissenschaftliche Publikationen zu SSP-CH und SPA
  • Inputtabelle mit 75 Faktoren pro SSP-CH
  • Technischer Bericht zur Treibhausgas- und Landnutzungsmodellierung
  • Semiquantitative Trendangaben pro SSP-CH
  • Modellierungsresultate SSP-CH-Energieverbrauch, -Treibhausgasemissionen und -Landnutzung

(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)

Gubler, L., Tschumi, P., Pütz, M., Seidl, I. (2026). SSP-CH: Sozioökonomische Szenarien für die Schweiz. Bericht über Grundlagen, Methoden und Resultate. WSL Bericht. Birmensdorf. http://doi.org/10.55419/wsl:42764

Tschumi, P., Seidl, I., Pütz, M., Gubler, L. (2026). Advancing national Shared socioeconomic pathways (SSPs): A novel procedure applied to develop current Swiss SSPs. Global Environmental Change, (Volume 96, 103105). ISSN 0959-3780, https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2025.103105

[1] Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). (2023). Climate Change 2023: Synthesis report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (H. Lee & J. Romero, Eds.). IPCC. https://doi.org/10.59327/IPCC/AR6-9789291691647

[2] O’Neill, B.C., Kriegler, E., Ebi, K.L., Kemp-Benedict, E., Riahi, K., Rothman, D.S., van Ruijven, B.J., van Vuuren, D.P., Birkmann, J., Kok, K., Levy, M., Solecki W. (2017). The roads ahead: Narratives for shared socioeconomic pathways describing world futures in the 21st century. Glob. Environ. Chang. (42, pp. 169-180). 10.1016/j.gloenvcha.2015.01.004

[3] Oberpriller, Q., Schmid, N., Kemmler, A., Gubler, L., Bogler, Giger, D., S., Piegsa, A., Brutsche, A., Kreidelmeyer, S., Vu M. Ph., Black, B., Kirchner, A., Füssler, J. (2026). Treibhausgasemissionen unter verschiedenen sozioökonomischen und klimapolitischen Szenarien für die Schweiz. Modellierung und Analyse. Infras, Prognos, WSL. Zürich. http://doi.org/10.55419/wsl:42766

[4] Schmid, N., Oberpriller, Q., Gubler, L., Füssler, J. (forthcoming): Shared Policy Assumptions revisited: A framework for assessing national climate policy pathways. Climatic Change.

Lena Gubler
Lena GublerImage: Gabi Vogt
Lena Gubler
Lena GublerImage: Gabi Vogt

Lena Gubler ist wissenschftliche Mitarbeiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der WSL.

SSPs: Globale sozioökonomische Szenarien, die beschreiben, wie sich Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt bis 2100 entwickeln könnten. Sie dienen als Grundlage, um Klimawandel, Emissionen sowie Möglichkeiten für Klimaschutz und Anpassung zu analysieren.

SSP-CH: Schweizer Version der globalen SSPs. Sie zeigen fünf mögliche sozioökonomische Entwicklungen der Schweiz bis 2100 und dienen etwa als Grundlage für Analysen zu Emissionen und Landnutzung auf nationaler Ebene.

SPA (Shared Policy Assumptions): Bündel von klimapolitischen Instrumenten. Sie werden mit den SSP-CH-Szenarien kombiniert, um zu untersuchen, wie unterschiedliche politische Massnahmen die zukünftigen Emissionen beeinflussen.