Wie kann die Finanzindustrie das Klima schützen?
Mit der Finanzplatz-Initiative steht der Beitrag der Schweizer Finanzindustrie zum Klimaschutz erneut zur Debatte. Dieser ist real, aber begrenzter und spezifischer, als der politische Diskurs oft suggeriert. Die grösste Wirkung entfaltet die Finanzierung von Innovationen.
Schweizer Banken, Versicherungen und Pensionskassen sollen die Erschliessung und Expansion fossiler Reserven nicht mehr finanzieren dürfen: Diese Forderung will die im April 2026 eingereichte Finanzplatz-Initiative in der Bundesverfassung verankern. Die Schweiz soll als kleines Land den relativ grossen Finanzplatz als Hebel einsetzen. Aber was kann er in der Klimafrage tatsächlich leisten?
Die Schweiz emittierte 2024 rund 40 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente[7] – ungefähr ein Promille der globalen Emissionen. Banken in der Schweiz verwalteten hingegen Ende 2024 Vermögen von rund 9'300 Milliarden Franken,[8] was einem substanziellen Anteil der weltweit professionell verwalteten Vermögen entspricht. Die Klimawirkung des Finanzplatzes könnte also grösser sein als jene der Schweizer Realwirtschaft.
Ein schiefes Bild
Artikel 2.1.c des Pariser Klimaabkommens verlangt, Finanzflüsse mit den Klimazielen in Einklang zu bringen. Das Bild des Finanzflusses ist eindrücklich: Eine geschickte Korrektur am Oberlauf, und das Kapital strömt in Wind- und Solaranlagen, während das Ölgeschäft austrocknet. Es ist aber ein schiefes Bild. Ein in vielen Fällen treffenderes Bild wäre ein Teich, an dessen Rand sich alle ökonomischen Aktivitäten abspielen. Man kann das Wasser mit einem Eimer von rechts nach links schöpfen – der Wasserspiegel bleibt in etwa gleich.
Es gibt effektive Wirkungsmechanismen, aber diese werden häufig überschätzt. Umfragen zeigen, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Klimawirkung nachhaltiger Anlagen als hoch einschätzt, während Finanzexpertinnen und -experten sehr skeptisch sind.[1] Es ist daher wichtig, die verschiedenen Wirkungsmechanismen differenziert zu betrachten und realistisch einzuordnen.
Die Finanzierung von Innovation
Der wichtigste Beitrag des Finanzplatzes zum Klimaproblem ist vermutlich die Finanzierung von Innovationen, die CO2-Emissionen verringern oder die Folgen des Klimawandels mildern.[2] Bei neuen Technologien und Start-ups ist Kapital häufig ein limitierender Faktor. Gerade hier ist die Rolle des Finanzplatzes entscheidend. Die Schweiz ist ein enorm innovatives Land, aber gerade bei der Finanzierung von Start-ups gibt es noch Luft nach oben. Pensionskassen investieren beispielsweise kaum in Wagniskapital. Selbstverständlich ist Vorsicht geboten, solche Investitionen bergen grosse Risiken. Aber wenn sie Erfolg haben, können sie einen grossen Beitrag zum Klimaschutz leisten – und zwar weltweit.
Eine grundlegende Transformation ist ohne Innovation kaum denkbar, denn eine ökonomisch überlegene Technologie wirkt global und ist ab einem kritischen Punkt nicht mehr auf politische Unterstützung angewiesen. Innovationen der vergangenen Jahrzehnte haben erneuerbare Energien wirtschaftlich wettbewerbsfähig gemacht – und die Kapitalströme folgen inzwischen in grossem Stil. So fliessen laut der Internationalen Energieagentur (IEA, 2025) zwei Drittel der globalen Investitionen in neue Energieinfrastruktur in solche für erneuerbare Energien.
Mitbestimmung im Aktionariat
Der zweite wesentliche Hebel des Finanzplatzes besteht in der Mitbestimmung im Aktionariat. Aktionärinnen und Aktionäre können im Dialog oder durch ihr Stimmrecht auf die Gesellschaft einwirken. Diese Wirkung ist empirisch gut belegt – sie führt relativ zuverlässig zu kleinen Verbesserungen.[3] Die Meinung der Investorinnen und Investoren kann das Zünglein an der Waage sein. Und da viele Firmen wirklich gross sind, können auch kleine Verbesserungen relevante Skalen erreichen.
Der Vorteil dieses Mechanismus ist, dass die Mitbestimmung auf die jeweilige Unternehmung zugeschnitten werden kann. In der einen Firma ist es die Formulierung eines Klimaziels, in der anderen eine Erhöhung des Forschungsbudgets für klimafreundlichere Produkte. Idealerweise nutzen Firmen ihren spezifischen kompetitiven Vorteil, um zusätzlich zum Profit auch noch ein öffentliches Gut zu schaffen oder zumindest ihre negativen externen Effekte zu minimieren. Der Erfolg dieser Mitbestimmung ist allerdings schwer zu messen, und eignet sich daher nicht gut für regulatorische Massnahmen.
Kapital in «grüne» Firmen
Der dritte Hebel ist die Kapitalallokation weg von «braunen» und hin zu «grünen» Firmen. Er entspricht am ehesten dem anfangs erwähnten Bild der Kapitalflüsse. Der realwirtschaftliche Effekt ist jedoch umstritten. Beispiel Flughafen Zürich: Rund fünf Prozent des Aktienkapitals gehören der Stadt Zürich. Sie könnte die Aktien verkaufen; Kapital flösse im Gegenzug an die Stadt Zürich und sie wäre keine Miteigentümerin mehr. Am Flugverkehr würde sich dadurch kaum etwas ändern. Die realwirtschaftliche Nachfrage ist der dominante Einfluss auf die Anzahl der Flüge.
Eine aktuelle Studie kommt immerhin zum Schluss, dass der Effekt nachhaltiger Anlagen in etwa dem Effekt einer globalen CO2-Steuer von vier US-Dollar pro Tonne entspricht.[4] Das ist durchaus beachtlich, wenn man bedenkt, dass eine globale CO2-Steuer in jeglicher Höhe derzeit völlig unrealistisch ist. Andererseits ist es wenig im Vergleich zu den rund 200 Dollar pro Tonne, die eine effiziente CO2-Steuer mindestens betragen sollte.
Dass der Effekt so gering ist, hängt damit zusammen, dass nicht klar ist, welche Firmen als «grün» gelten.[5] Zählen absolute Emissionen oder Emissionen relativ zum Umsatz? Ist Atomstrom grün? Hinzu kommt die Gefahr, dass Unternehmen emissionsintensive Geschäftsbereiche abstossen können und dies auch tun.[6] So wird die Aktiengesellschaft grün, aber die Emissionen werden lediglich in privat gehaltene Firmen verlagert. Dieses Problem stellt sich vermutlich auch bei der Erschliessung neuer fossiler Reserven: Eine Ölfirma könnte diese in eine separate Gesellschaft auslagern. Auch hier ist die Nachfrage nach Öl der entscheidende Faktor.

Inputs für die Klimapolitik
Es wäre falsch, auf den Finanzmarkt als entscheidendes Klimainstrument zu setzen. Wer Klimaziele erreichen will, muss die Realwirtschaft verändern. Ebenso falsch wäre es aber, den Finanzplatz nicht in eine kohärente Klimapolitik einzubinden.
In der Schweizer Debatte wäre ein stärkerer Fokus auf die Finanzierung von Innovation zu begrüssen. Dort liegt vermutlich der effektivste Hebel, den die Schweizer Klimapolitik bislang zu wenig bedient hat
(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)


