«Wir müssen mit einer weiteren Zunahme von Felsstürzen rechnen»
Wie der Klimawandel Berge bewegt
Ein Jahr nach dem Bergsturz von Blatten: Geograf Christian Huggel von der Universität Zürich erklärt im Interview, welche Rolle der Klimawandel dabei spielte – und mit welchen Risiken wir uns künftig auseinandersetzen müssen.
Interview: Fabienne Frey
FF: Christian Huggel, am 28. Mai 2025 zerstörte ein Bergsturz das Walliser Dorf Blatten fast vollständig. Wie kam es dazu?
CH: Der Bergsturz von Blatten entstand, weil grosse Gesteinsmassen vom Kleinen Nesthorn auf den darunterliegenden Birchgletscher stürzten. Der Gletscher konnte die zusätzliche Last nicht mehr tragen, kollabierte und löste eine Fels-Eis-Lawine aus. Das Ereignis war also eine Kette von mehreren Prozessen.
«Man kann davon ausgehen, dass der Klimawandel klar zur Felsinstabilität am Kleinen Nesthorn beigetragen hat.»
Welche Rolle spielte nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimawandel?
Die Ausgangslage am Kleinen Nesthorn ist von geologischen Bedingungen mit stark zerrüttetem Felsen geprägt. Auf diese Verletzlichkeit wirken nun mehrere Prozesse, die durch den Klimawandel vorangetrieben werden. Eine wichtige Rolle kommt dabei dem Wasser zu, das durch Auftauprozesse an der Oberfläche und in der Tiefe des Felses vermehrt vorhanden ist und generell zu einer abnehmenden Stabilität des Felses führt. Wir gehen z.B. davon aus, dass durch die Erwärmung der letzten 150 Jahre die Südflanke des Kleinen Nesthorns nicht mehr gefroren ist. Dazu kommt, dass die Bergflanken schnee- und firnfrei geworden sind. Damit konnte die Temperatur weiter in den Felsen eindringen und Erosionsprozesse an der Oberfläche verstärken. Den Einfluss dieser Prozesse quantitativ genau zu bestimmen, ist sehr schwierig, aber man kann davon ausgehen, dass der Klimawandel klar zur Felsinstabilität am Kleinen Nesthorn beigetragen hat.
Müssen wir in Zukunft öfter mit ähnlichen Ereignissen rechnen?
In dieser spezifischen Kombination, also mit Felssturz, Gletscherkollaps und nachgelagerten Prozessen, ist ein solches Ereignis selten. Ich würde aber keine konkrete Prognose wagen. Was sich klar zeigt: Felsstürze haben in den letzten 20 bis 30 Jahren zugenommen. Das gilt für kleinere, mittlere und grosse Stürze. Künftig müssen wir durchaus mit einer weiteren Zunahme rechnen – auch in Gebieten, die bisher nicht betroffen waren.
Welche Landschaften in der Schweiz sind besonders gefährdet?
Grundsätzlich sicher das Hochgebirge, das heisst Gebiete mit steiler Topographie, wo Eis (Gletscher, Permafrost) und Schnee mit im Spiel und stark vom Klimawandel betroffen sind. Wo dann genau Felsmaterial abstürzt, hängt auch stark von der Geologie ab. Auftauender Permafrost spielt oft eine wichtige Rolle. Das heisst aber nicht, dass jeder Berg mit Permafrost instabil wird. Genau hinschauen muss man natürlich dort, wo Infrastruktur und Siedlungen betroffen sein könnten.
Wie können wir mit dem erhöhten Risiko umgehen?
Die Schweiz verfügt bereits über ein gutes, engmaschiges Monitoring. Eine zentrale Rolle spielen dabei lokale Beobachtende, die Veränderungen im Gelände früh erkennen. Zusammen mit satellitengestützten Verfahren können wir also Bewegungen grossflächig überwachen. Künftig wird man aber noch genauer hinschauen müssen – insbesondere dort, wo sich Vorzeichen wie kleinere Felsstürze zeigen.
«In Zukunft werden wir häufiger mit solchen Entscheidungen konfrontiert sein und Güterabwägungen machen müssen: Was kann man noch schützen, was können oder wollen wir uns leisten?»
Gibt es Grenzen der Anpassung?
Wir können finanzielle, technische oder soziale Grenzen der Anpassung unterscheiden. Ereignisse wie in Blatten erreichen Grössenordnungen, bei denen technische Schutzmassnahmen kaum mehr möglich sind. Wenn kritische Infrastrukturen betroffen sind, bleiben nur Evakuationen oder Umsiedlungen. In Zukunft werden wir häufiger mit solchen Entscheidungen konfrontiert sein und Güterabwägungen machen müssen: Was kann man noch schützen, was können oder wollen wir uns leisten? Wie hoch sind die Kosten und was ist der Nutzen? Mit diesen Fragen muss man sich auseinandersetzen, vor allem dort, wo neue Gefahren bisher sichere Siedlungsgebiete bedrohen. Umsiedlungen sind sehr komplex und vielschichtig und nicht nur teuer, sondern absorbieren auch enorme personelle Ressourcen bei Bund, Kantonen und Gemeinden.
Welche Fragen in Bezug auf Bergstürze und Murgänge werden die Klimaforschung weiterhin beschäftigen?
Wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Klimaforschung und Naturgefahrenanalyse. Im Zentrum steht ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Naturgefahren wie Felsstürzen und Murgängen. Ziel ist auch, genauere Szenarien zu entwickeln, um herauszufinden, wo es künftig kritisch werden kann. So lassen sich Risiken frühzeitig erkennen und Anpassungsmassnahmen planen. Das Naturgefahren-Risikomanagement kann man nicht mehr ohne Klimawandel denken.
(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)



