Mehr CO₂ der Atmosphäre entziehen!
Die Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre (CDR) wirft schwierige ethische Fragen auf. Aber letztlich gilt: Klimaschutz braucht mehr Einsatz auf allen Ebenen – und somit ist auch CDR dringend nötig.
Manche wenden ein, dass CDR zum sogenannten Moral-Hazard-Problem führe, das heisst: die Förderung von CDR könnte die Motivation für Emissionsreduktionen senken. Wenn wir der Atmosphäre Emissionen einfach wieder entziehen können, warum dann noch mühsam versuchen, sie zu senken?
Ist dieser Einwand tatsächlich berechtigt? Schliesslich geht es beim Klimaschutz darum, die atmosphärische Emissionskonzentration zu begrenzen. Und dafür gibt es zwei Strategien: der Atmosphäre weniger Emissionen zuführen oder ihr mehr Emissionen entziehen. Wenn beides zielführend ist, weshalb sollte es dann ein Problem sein, mehr CDR und weniger Emissionsreduktionen zu betreiben? Wir diskutieren hier drei mögliche Argumente, weshalb Moral Hazard bei CDR trotzdem Anlass zur Sorge geben könnte.
«Emissionsreduktionen sind der Königsweg»
Ein erstes Argument besagt, dass Emissionsreduktionen der Königsweg seien. Demgegenüber sei CDR höchstens eine Backup-Lösung, wenn wir bei der «echten» Lösung, der Emissionsreduktion, versagen. Es sei gemogelt, mit CDR einen einfachen Ausweg zu nehmen, statt die wahre Ursache des Problems direkt anzugehen [1].
Dieses Argument überzeugt nicht. Grundsätzlich ist nichts edler daran, keine Emissionen auszustossen als sie der Atmosphäre wieder zu entziehen, nachdem sie ausgestossen worden sind. Unsere ethische Intuition macht oft eine übertrieben starke Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen: Aktiv etwas Schlechtes zu bewirken, empfinden wir oft als problematischer, als es zu unterlassen, etwas Schlechtes zu verhindern. Wir empfinden beispielsweise Littering als problematischer als es zu unterlassen, liegengelassenen Abfall aufzuheben. Doch diese starke intuitive Unterscheidung ist ethisch erstaunlich schwierig zu rechtfertigen [2]. Deshalb gilt beim Klimaschutz: Solange sowohl Emissionsreduktionen als auch CDR die atmosphärische Emissionskonzentration begrenzen, ist keines der beiden per se vorzugswürdig.
«CDR verführt zu gefährlichen Träumereien»
Ein zweites Argument, weshalb Moral Hazard gegen CDR sprechen soll, ist überzeugender. Es beruht auf der Einsicht, dass uns Emissionsreduktionen viel abverlangen. Wir sind versucht, an einfache Auswege zu glauben, wo gar keine einfachen Auswege sind. Wird eine Idee für CDR auch nur schon angedacht, sinkt die Motivation bereits, Emissionen zu reduzieren – ohne dass wir zuerst sorgfältig geprüft hätten, wie realistisch diese Idee überhaupt ist.
Täten wir das, wäre die Bilanz zurzeit ernüchternd. Viele Vorschläge für CDR sind nämlich noch ungewisse Zukunftsträumereien. Das gilt umso mehr, wenn wir CDR kostengünstig und zuverlässig in einem so grossen Umfang einsetzen wollen, dass es überhaupt eine attraktive Alternative zu Emissionsreduktionen sein kann [3],[4]. Wir sollten das Potenzial von CDR evidenzbasiert einschätzen. Es ist offensichtlich falsch, als Gegenstück zu erhofftem CDR die Emissionen real weniger zu reduzieren.
In diesem Sinn liegt ein Moral-Hazard-Problem vor: CDR verführt uns dazu, sichere Emissionsreduktionen mit unsicherem CDR aufzuwiegen. Das ist aber nicht primär ein Einwand gegen die Nutzung von CDR. Es betrifft vor allem die Art, wie wir über CDR reden. Wir sollten CDR nicht als Zauberlösung darstellen, sondern hervorheben, wie gross die Unsicherheiten zurzeit noch sind, um diese Methoden im grossen Stil einsetzen zu können.
«CDR hat schlechte Nebenwirkungen»
Ein drittes Argument führt die Nebenwirkungen von CDR ins Feld, um zu zeigen, warum es tatsächlich ein Problem ist, CDR als Ersatz für Emissionsreduktionen einzusetzen.
Sowohl Emissionsreduktionen als auch CDR haben positive und negative Nebenwirkungen [5]. Emissionsreduktionen können zum Beispiel die Luftqualität verbessern, aber auch das Landschaftsbild beeinträchtigen. Während bei Emissionsreduktionen die positiven Nebeneffekte wohl meistens überwiegen, scheint es bei CDR oft umgekehrt zu sein [6]. Dabei sticht insbesondere der Energie- und Flächenverbrauch für viele Formen von CDR hervor. Das kann Energie und Nahrung verteuern und damit die Armutsbekämpfung gefährden [7]. Man sollte CDR also nicht ausschliesslich mit Blick auf die atmosphärische Emissionskonzentration beurteilen, sondern auch bezüglich deren Nebenwirkungen.
Dieser Einwand gegen CDR ist stark. Er wäre aber viel bedeutender, wenn die globalen Emissionen bloss um 20% oder 50% gesenkt werden müssten [8]. Um die Pariser Ziele zu erreichen, müssen die Emissionen aber nicht bloss halbiert, sondern auf mindestens Netto-Null gesenkt werden. Wenn wir dieses Ziel nur mit Emissionsreduktionen erreichen wollten, wäre das mit hohen Lasten verbunden, die schwerer wiegen als die negativen Nebenwirkungen von CDR. Aus ethischer Perspektive erscheint es deshalb sinnvoll, neben Emissionsreduktionen auch auf CDR zu setzen. Anders können wir die Pariser Ziele nicht erreichen – nicht zuletzt, weil die Netto-Emissionen dereinst für eine Weile sogar negativ werden müssen [9], [10].
Während das erste Argument nicht überzeugen konnte, das zweite hingegen überzeugte, ist das dritte teilweise überzeugend: Unter Berücksichtigung der negativen Nebenwirkungen ist CDR tatsächlich oft kein gleichwertiger Ersatz für Emissionsreduktionen. Wir sollten CDR deshalb nicht anstelle von einfachen Emissionsreduktionen nutzen. Trotzdem: Weil wir das Netto-Null-Ziel nicht bloss mit einfachen Emissionsreduktionen erreichen können, braucht es zusätzlich CDR.

CDR braucht viel mehr Einsatz
Was ist denn nun die ethisch optimale Balance zwischen Emissionsreduktionen und CDR? Diese Frage ist in der heutigen Situation kaum relevant: Wir brauchen von beidem viel mehr! Auch wenn es gute Gründe gibt, das Moral Hazard Problem ernst zu nehmen, so wurde CDR unter dem Strich bisher doch zu wenig statt zu stark gefördert. Bezüglich CDR bedingt dies viel mehr Investitionen in die Forschung, Entwicklung, Erprobung und Verbilligung.
Die Schweiz hat als finanzstarke Hightech-Nation viele Möglichkeiten, zur Weiterentwicklung von CDR beizutragen – und mit ihren hohen (konsumbasierten) Pro-Kopf-Emissionen auch eine grosse Verantwortung, dies zu tun. Zentral dabei ist: Wir sollten uns auf die Weiterentwicklung der global nötigsten CDR-Methoden ausrichten und nicht auf diejenigen, die für das nationale Netto-Null-Ziel am hilfreichsten sind.
(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)

