Klimafinanzierung und die Rolle der Schweiz
Global wird massiv in den Umbau des Energiesystems hin zu Erneuerbaren investiert. Während also der grösste Teil der Klimafinanzierung im Bereich der Emissionsminderung passiert, bleiben Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel und der Wiederaufbau nach Klimaschäden schwer zu finanzieren. Als globales Finanzzentrum mit solidem Staatshaushalt hat die Schweiz nationale und internationale Hebel, um die globale Klimafinanzierung in allen drei Bereichen zu stärken.
Die Studienlage ist klar: Jeder Tag des Abwartens und Debattierens, was gegen den Klimawandel zu tun ist, kommt uns als Gesellschaft teuer zu stehen. Abwarten kostet Geld in Form von unsicheren landwirtschaftlichen Erträgen durch Klimaschäden, vermehrten Infrastrukturkosten, abnehmender Arbeitsproduktivität oder der Behandlung vermehrter Herz-Kreislauf-Krankheiten.
Um die Klimafinanzierung aber global voranzubringen, braucht es zuerst ein gemeinsames Verständnis dessen, was genau unter der Klimafinanzierung verstanden wird. Unter Klimafinanzierung werden gemeinhin Geldflüsse für drei Zwecke verstanden. In folgenden Bereichen setzt sie an:
- Emissionsminderung (z.B. Installation einer Solaranlage)
- Anpassungmassnahmen (z.B. Bepflanzung zum Erosionsschutz)
- Wiederaufbau nach Klimaschäden (z.B. Strassenreparatur nach Überschwemmungen in Küstenregionen)
Gemäss aktuellen Daten betrug die globale Klimafinanzierung 2023 1,9 Billionen US-Dollar. Das ist knapp das Doppelte des Schweizer BIPs.[4] Davon entfielen 94 % auf die Reduktion klimaschädlicher Treibhausgase, 3 % auf die Klimaanpassung und 3 % auf gemischte Projekte. Geldflüsse für den Wiederaufbau nach Klimaschäden werden nicht systematisch erhoben. Ein Indikator für deren Volumen sind die versicherten Schäden von Naturkatastrophen, die im Zug des Klimawandels wahrscheinlicher werden. 2025 betrugen diese über 100 Milliarden US-Dollar, wobei die Waldbrände um Los Angeles 2025 allein 40 Milliarden US-Dollar kosteten (SwissRe Institute, 2026). Wie viele andere Naturkatastrophen, sind diese Waldbrände durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden.[2]
Der Grossteil der Klimafinanzierung betrifft private Investitionen in erneuerbare Energiesysteme, Elektromobilität und energieeffiziente Gebäude und Infrastruktur. In der politischen Debatte werden allerdings vor allem Zahlungen von reichen OECD-Ländern an Schwellen- und Entwicklungsländer im Rahmen des Pariser Klimaabkommens thematisiert. Ende 2024 wurde an der Klimakonferenz in Baku beschlossen, den Betrag bis 2035 auf 300 Milliarden US-Dollar zu erhöhen (siehe «Internationale Klimafinanzierung innerhalb der UN-Klimakonvention»).
Lohnt sich Klimafinanzierung?
Weil Klimaschäden erst am Entstehen sind, ist ihre genaue Quantifizierung schwierig. Dieses Jahr erschienen zwei neue Studien, die den Nutzen einer vermiedenen Tonne CO2 massiv höher einschätzen als frühere Studien. Bilal & Känzig (2026) und Burke et al. (2026) beziffern ihn auf 1‘000 – 1‘200 US-Dollar pro Tonne CO2. [1,3] Eine schnelle Milchbüchlein-Rechnung zeigt, dass die globalen Emissionen uns damit jährlich ungefähr die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung kosten. Die Kosten, um eine Tonne CO2 zu vermeiden, liegen weit tiefer. Das gilt sogar in der Schweiz. Aus globaler Perspektive ergeben eine drastische Emissionsreduktion und entsprechende Investitionen also wirtschaftlich Sinn. Für grosse Länder wie die USA liegt sogar der nationale Nutzen der Emissionsreduktion über den Kosten. In der Praxis sind wir aber weit davon entfernt, diese Kostenwahrheit in unser Handeln einzubeziehen. Wir stagnieren, oder bewegen uns sogar in die entgegengesetzte Richtung: Selbst in der EU, die über einen funktionierenden CO2-Markt verfügt, wurde die Erweiterung des EU-Emissionshandels auf Gebäude und Verkehr um ein Jahr auf Anfang 2028 verschoben. Das löst Investitionsunsicherheit aus und bremst die Klimafinanzierung.
Für private Investoren lohnt sich die Klimafinanzierung in vielen Bereichen. Erneuerbare Energien sind günstiger als fossile Alternativen, und Unternehmen, die an der Energiewende beteiligt sind, profitieren entsprechend. So hat sich etwa der Wert der Siemens Energy Aktie in den letzten fünf Jahren verfünffacht. Weltweit wird seit 2020 mehr in erneuerbare als in fossile Energiesysteme investiert.[8] Wo die Politik nicht aktiv Hürden in den Weg stellt – wie derzeit etwa die amerikanische Regierung mit ihrem symbolischen Kampf gegen Erneuerbare –, wird die Energiewende durch private Investitionen vorangetrieben.
Gleichzeitig bleiben Klimaanpassungsmassnahmen unterfinanziert. Sie sind fast ausschliesslich staatlich finanziert, weil ihr Nutzen sich oft breit auf die Bevölkerung verteilt. Wo der fiskalische Spielraum begrenzt ist, werden solche Massnahmen nicht ohne internationale Förderung umgesetzt. Gleiches gilt für die Aufräumarbeiten nach Naturkatastrophen: Für den globalen Fonds zum Umgang mit Klimaschäden in Entwicklungsländern (Fund for responding to Loss and Damages) wurden bis November 2025 lediglich 822 Millionen US-Dollar zugesichert. Das entspricht etwa einem Fünfzigstel der versicherten Schäden der kalifornischen Waldbrände von 2025. Reiche Länder stehen hier in der Pflicht. Denn trotz der beschlossenen Verdreifachung des globalen Klimafinanzierungsziels, fehlen bisher konkrete Umsetzungspläne der meisten Länder. Und eine Beteiligung an schwieriger zu finanzierenden Anpassungs- und Wiederaufbauarbeiten ist politisch blockiert.
Fünf Hebel für die Schweiz
Vor diesem Hintergrund bieten sich der Schweiz fünf Hebel, um die Klimafinanzierung zu stärken:
- Neue Technologien finanzieren. Als Forschungs- und Entwicklungsstandort kann die Schweiz Klimatechnologien marktfähig machen und damit zur globalen Emissionsreduktion beitragen. Instrumente wie der Technologiefonds, der bis Ende 2024 insgesamt 212 Bürgschaften im Umfang von rund 362 Millionen Franken gewährt hat, sollten erweitert werden. Grüne Investitionsbanken im Ausland zeigen, was möglich wäre.[7]
- Beitrag an die internationale Klimafinanzierung festlegen. Der Multilateralismus steckt in der Krise, die Klimapolitik ist dabei keine Ausnahme. Die Schweiz könnte im Festlegen ihres Beitrags für die kommenden Jahre vorangehen und damit ein Zeichen setzen, dass sie weiterhin an den internationalen Prozess und das Ziel von 300 Milliarden US-Dollar glaubt. Die Berechnung des nationalen Beitrags sollte wie bis anhin transparent erfolgen und sowohl historische Emissionen als auch die Wirtschaftsleistung berücksichtigen.[6]
- Klimaschäden breit versichern. Als globaler Versicherungs- und Rückversicherungsstandort könnte die Schweiz in der Entwicklung von Versicherungsprodukten gegen Klimaschäden eine aktivere Rolle einnehmen. Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern sind Klimaschäden nur sehr selten versichert und dort braucht es die Zusammenarbeit zwischen privatem und öffentlichem Sektor. Eine breitere Abdeckung würde die Risiken global besser verteilen, Anpassungsmassnahmen attraktiver machen und zuletzt grundsätzlich zur Einpreisung potenzieller Schäden in wirtschaftliche Aktivitäten, z.B., Investitionsentscheide in einen Produktionsstandort, beitragen.
- Übergewinne aus fossilen Energien besteuern. Wie schon im Februar 2022 stehen wir 2026 inmitten einer globalen Energiekrise, in der Öl- und Gasfirmen teils massive Übergewinne einfahren. 2022 belief sich dieser Übergewinn – damals aufgrund der russischen Invasion in der Ukraine – auf geschätzte 490 Milliarden US-Dollar.[5] Das OECD-Abkommen zur Mindestbesteuerung von Unternehmen könnte als Beispiel dienen, um eine breit abgestützte Übergewinnsteuer einzuführen und diese könnte wiederum für die Klimafinanzierung verwendet werden.
- Schuldengefälle abbauen. Die Schuldenquote der Schweiz liegt bei 16 %. Ist eine vermiedene Tonne CO2 1’000 bis 1’200 US-Dollar wert, ist die Aufnahme von Schulden für die Klimafinanzierung und somit zur Vermeidung zukünftiger Schäden gerechtfertigt. Zudem liegt grosses Potenzial im Erlass und der Restrukturierung von Schulden in Entwicklungsländern. Gewisse afrikanische Regierungen sind so hoch wie selten zuvor verschuldet, was wiederum den Bedarf an internationaler Klimafinanzierung erhöht. Eine ernsthafte Diskussion um Schuldenerlasse für Entwicklungsländer könnte helfen, Spielraum für lokale Anpassungs- und Wiederaufbaumassnahmen zu schaffen.
(Die Beiträge geben die Meinung der Schreibenden wieder und müssen nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.)

Weiterführende Informationen
Public Policy for the Green Transition: https://www.gov.sot.tum.de/ppgt/about/
Transformation Finance Lab: https://tumthinktank.de/project/transformation-finance-lab/

